Lotsekai – An jedem Morgen.

Lotsekai – An jedem Morgen.

An jedem Morgen, an jedem immergleich regenverhangenem Morgen, auf deinem immer gleichen, eintönigen Weg zur Arbeit, immer, wenn Du den alten verlassenen Hafenkai passierst, träumst Du davon. Träumst Du davon, wie es wäre.

Wie wäre es, jetzt, in einen dieser rostigen Dampfer, in einen dieser abgewrackten Segelfrachter zu steigen, Leinen los zu reißen, den Schiffsdiesel anzuwerfen, Segel zu setzen und einfach abzuhauen. Weg. Weg durch das Hafenbecken, den engen Kanal, den Fluss abwärts bis zum offenen Meer.

Immer stündest du vorne am Bug, hättest den Blick nach vorne gerichtet, wärst die Galionsfigur, den Kurs des Schiffs bewahrend und Richtung Süden dirigierend, über den Ozean zu all den verheißungsvollen Orten: Antigua, Panama, Curaçao, Tobago bis zum Amazonas.

Alexander Kunz

 

Hamburg – Lissabon. Im Nachtzug nach Portugal.

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Hamburg – Lissabon. Im Nachtzug nach Portugal (Leseprobe aus Buch).

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Prolog.

Wann es Anfing? Wann ganz genau – weiß ich nicht mehr. Ob es war, als ich sie zum ersten Mal sah, oder, ob es schon immer in mir war. Mich ausmacht, und je immer schon fester Bestandteil meines Selbst war – ich kann mich nicht mehr erinnern.

Erinnern kann ich mich aber, und das ganz genau, an unser erstes Zusammentreffen. Und ich weiß, es war Liebe auf den ersten Blick. Ein kleiner, kurzer Blick nur, ein winziger Moment, der genügte, um zu fühlen, sie ist es. Sie ist das, wonach du suchst. Sie ist es, was du willst und brauchst. Sie ist das, was dich antreibt. Sie ist die Richtige.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Und das Gefühl von damals ist immer noch da. Ist gewachsen. Wurde von einer kurzen Begegnung zu einer engen Beziehung. Von Verliebtheit zu Vertrauen, und von Begehren zu Sehnsucht. Denn, bisher blieb sie trotz der Nähe unerreichbar, immer in der Ferne.

Ich bin in meinem Leben an einem Punkt angekommen, von dem aus ich nicht mehr weiter komme. Der bisherige Weg hat in eine Sackgasse geführt, in der ich nun feststecke.

Das was jetzt noch bleibt, ist die Reise. Der Versuch einen Ausweg zu finden. Herauszukommen aus dieser vertrackten Situation. Es ist der Versuch einer Flucht. Oder nein, eines Aufbruchs. Eines Aufbruchs nach Westen.

Logbuch. 

25.03.15 – 22:32:

Abfahrt in Hamburg-Altona. DB, IC2021 Hamburg – Frankfurt.

Die Reise beginnt. Pünktlich. Endlich.

In einem Waggon der Deutschen Bundesbahn von 1990 verlässt der Zug Hamburg. Die Farben der Wände und Plastikschalen der Sitze sind in Pastelltönen gehalten: Kackgelb, Olivgrün und Lila. Die Designer der Deutschen Bahn haben wohl erst Anfang der 1990er Miami Vice und Startrek – The Next Generation für sich entdeckt.

Die 1980er Jahre lassen herzlich Grüßen.

Zudem dachte die DB bei der Disposition des Zuges wohl, dass um diese Zeit nur das aller verlumpteste Proletariat reist, und dem es egal sein wird, wie die Waggons ausgestattet sind – da nehmen wir dann eben die Alten.

 

25.03.15 – 22:37:

Erster Stopp: Hamburg Dammtor.

Auf der Reise wird mich nur leichtes Reisegepäck begleiten. Keine unnütze oder überflüssige Last.

Eine braune Lederumhängetasche mit Notizblock, Fotoapparat und Reisedokumenten, eine Reisetasche aus Ziegenleder mit der Reisevêtement und Necessaire für vier Tage – so lange wird die Reise dauern – mehr nicht. Das sollte auch reichen!

Es bleibt jetzt nur die Frage: Komme ich an meinem Ziel an, oder wird es Komplikationen geben? Verspätungen? Ausfälle? Muss ich ab Paris fliegen? Muss ich über Madrid fahren?

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Alexander Kunz

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Odexeice – Ein Neujahrs-Sparziergang mit Avô.

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 Odexeice – Ein Neujahrs-Sparziergang mit Avô.

„Avô, Avô!“, in weiten Sätzen springt Toni über den feuchten Sandboden bis zu der Stelle, an der der dünne Wasserfilm zu knöcheltiefen Wasser und dann zur Brandung wird.

„Avô, was machst Du da?“. Tonis Großvater hält einen münzgroßen, ganz flachen Stein in seiner Hand und wiegt in hin-und-her.

„Was glaubst Du“, neigt sich der Großvater zu Toni, „plumpst der Stein sofort auf den Grund des Meeres, wenn ich ihn aufs Wasser schmeiße, oder schaffe ich es so zu werfen, dass er über das Wasser fliegt?“.

Toni schaut seinen Großvater ungläubig und mit großen runden Augen an. Was sein Großvater nur immer für lustige Einfälle hat, denkt er sich und blickt auf das tosende blaue Meer vor ihm. Noch bevor Toni antworten kann, kniet sich sein Großvater mit einem Bein in die Hocke, dreht seine Hand mit der Handfläche nach unten, kneift ein Auge zusammen und peilt mit dem andern auf den weiten Ozean, als ob er da draußen am Horizont irgendetwas entdeckt hätte. Dann holt er aus und lässt in einer weiten Bewegung den flachen Stein aus Daumen und Zeigefinger gleiten. Der Stein fliegt kreiselnd, wie eine Frisbee, mitten aufs Wasser zu, platscht auf die Wasseroberfläche und, Toni kann es nicht glauben, der Stein versinkt nicht still und stumm im Meer, sondern hüpft, einmal, zweimal, dreimal wie von Zauberhand hochgezogen über die Wasseroberfläche, bevor er langsam in der Woge einer Welle untergeht.

„Avô, das möchte ich auch können, wie hast du das gemacht?“, fragt Toni seinen Großvater voller Staunen. Tonis Großvater runzelt die Stirn, zieht die Augenbrauen zusammen und hält einen Moment inne, als würde er alle einzelnen Schritte, vom versinken des Steins im Meer angefangen, zurück erinnern bis zum:

„Stein finden! Zum Flitschen lassen musst du erstmal einen passenden Stein finden. Einen, der nicht zu groß, aber auch nicht zu klein ist. Der möglichst rund und, dass ist wirklich das wichtigste, möglichst flach ist. Und hier am Strand“, sagt der Großvater sich mit dem Oberkörper in alle Richtungen drehend, „findest Du bestimmt unzählige davon!“.

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Der weiche Sand am Strand ist tatsächlich übersät mit Steinen und Toni macht sich sofort auf die Suche nach einem, wie ihn sein Großvater beschrieben hat. Doch so einfach wie Toni sich die Suche nach einem passenden Stein vorgestellt hat, ist sie leider nicht. Die meisten Steine die Toni findet sind nur unförmige Brocken, viel zu groß und zu schwer, sie würden sofort mit einem lauten Plumps und einer spritzenden Fontäne untergehen. Ein paar flache Steine entdeckt Toni auch, die sind aber immer zu klein, um ihnen beim Werfen richtig Schwung zu geben. Enttäuscht hockt sich Toni auf den weichen Strand und schmeißt genervt eine Handvoll Sand aus abertausenden kleinen Kieseln Richtung Meer.

„Avô, Steine suchen macht keinen Spaß!“, ruft Toni seinem Großvater enttäuscht zu, „Steine sind langweilig, die liegen nur rum, ohne sich zu bewegen, sind kalt und stumm und leben überhaupt nicht“.

„Das stimmt“, Tonis Großvater setzt sich dicht neben ihn und lässt Sandkörner durch seine große Hand rieseln, „belebt sind Steine nicht, aber erlebt haben sie viel und können uns davon erzählen!“. Aus dem gelben Sand unter seinen Händen legt der Großvater einen Stein frei. Rosafarben und fast so groß wie ein Ei.

„Schau mal diesen hier, wie wunderschön er ist. Ganz glatt und rund geschliffen“. Antonios Großvater streichelt den Stein sanft und hält ihn dann gegen das Licht.

„Und wie er im Sonnenlicht glitzert!“, bewundert Toni den rosa Stein.

„Das sind die vielen kleinen Kristalle. Ein Stein ist eben nicht einfach nur ein kalter, grober Klotz, sondern besteht aus ganz unterschiedlichsten Teilen wie Magma, Mineralien oder Sedimenten“.

„Magma, Minera und Sedi-was, Avô?“.

„Warte mal!“, sagt Tonis Großvater, springt auf und läuft zu den Dünen am anderen Ende des Strandes. Zurück kommt der Großvater mit einem kleinen Ast und malt einen wasserballgroßen Kreis vor Toni in den Sand.

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„Unsere Erde“, erklärt der Großvater, „vor Millionen von Jahren, lange bevor es uns Menschen gab und noch bevor es überhaupt die Dinosaurier gab, war über-und-über mit Wasser bedeckt. Einem einzigen riesigen Ozean. Doch unter dem Wasser, tief unten im Inneren der Erde, brodelte es. Dort, im Erdinneren ist es unerträglich heiß. So heiß, dass alles was dort unten ist sofort schmilzt und zu einer feurigen roten Masse wird – zu Magma“. Der Großvater malt mit dem Stock Wellen in die Mitte des Kreises und schließlich gerade Striche, die bis zum Rand des Kreises reichen.

„Dieses Magma ist so flüssig, dass es sich durch Risse und Spalten in der Erde immer wieder einen Weg an die Erdoberfläche sucht. Dann bricht es als Lavastrom aus“. Er deutet auf die Striche: „Zuerst ist das alles unter Wasser passiert, da ja die Erde damit komplett bedeckt war. Aber im Laufe der Jahrmillionen sind die Magmaberge, die Vulkane, die es bis heute gibt, so angewachsen, dass sie über der Wasseroberfläche Land gebildet haben. Erst als einzelne kleine Inseln und schließlich als ganze Kontinente“. Tonis Großvater beginnt Flächen in den Kreis im Sand zu malen.

„Sind Steine also festes Feuer?“, fragt Toni verwundert und starrt auf die Felsen, die den Strand umranden.

„Ja. In gewisser Weise ist Magma abgekühltes und verhärtetes Feuer“, nickt Tonis Großvater zustimmend, „aber, Steine sind noch viel mehr als das“, holt er erneut aus, „sie sind großer Hitze und enormen Druck ausgesetzt gewesen, dadurch sind die verschiedensten Materialien zusammengeschmolzen, gemischt und zu etwas neuem gepresst worden.“.

„Druck? Avô, was ist das?“.

Der Großvater überlegt kurz: “Nimm doch mal ein Handvoll Sand und ein bisschen Wasser dazu!“, und zeigt auf den trockenen Sand vor Toni. „Nun drücke in mal richtig fest zusammen. So fest wie Du kannst!“. Toni nimmt Sand und Wasser und knetet und walzt beides in seiner Hand.

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„Fester!“, munter der Großvater Toni auf, „Siehst Du, durch Deine Kraft ist aus den einzelnen Sandkörner ist ein großer fester Klumpen, Matschklumpen, geworden. Diese Kraft, nennt man auch Druck. Erinnerst Du dich?“, der Großvater zeigt auf den Kreis im Sand, „Die Vulkane, aus denen die glühend heiße Lava speit, haben Land unter Wasser gebildet, indem es aus Löchern aus dem Inneren der Erde trat. Diese Spalten und Risse bedeuten uns, dass der Meeresgrund nicht ein großer zusammenhängender Boden ist, sondern, wie die Flicken auf Omas Sofadecke, aus unterschiedlichen einzelnen Stücken besteht. Diese nennt man Erdplatten. Diese bewegen sich über der Lava hin-und-her. Mal langsam. Mal schneller. Manchmal stoßen sie auch gegeneinander. Dann gibt es einen riesigen Rums, ein Erdbeben. Und manchmal ist der Aufprall so stark, dass sich die Platten übereinander schieben. Das ist unvorstellbar viel Kraft. Soviel Kraft, das dadurch die Gebirge entstanden sind, die tausende Meter hoch sind. Die Gebirge sind also letztlich das Gleiche, wie dein Matschball. Ganz fest zusammengepresste einzelne Teile, aus denen etwas Neues entstanden ist – Mineralien“.

Toni drückt nochmal fest seinen Klumpen zusammen: „Steine sind also Mineralien?“.

„Genau. Sie sind nicht einfach nur Klumpen, sondern können zum Beispiel aus Eisen oder Diamant sein. Daher kommen auch all die unterschiedlichen Farben der Steine und das Glitzern im Sonnenschein“. Tonis Großvater hält kurz inne, überlegt und fährt dann fort: „Und, jetzt wird es ganz spannend: Steine können auch aus Resten von Pflanzen und Tieren, zum Beispiel Dinosauriern, bestehen“.

Aufgeregt springt Toni auf: „Was, Avô? Dinosaurier in einem Stein, wie geht das denn?“.

„Eigentlich ganz einfach“, sagt Tonis Großvater ganz ruhig, „unsere Erde ist immer in Bewegung. Die Erdplatten stoßen zusammen und verursachen so Erdbeben, so dass das Land durchgeschüttelt und manchmal auch richtig umgekrempelt wird. Die Vulkane speien Lava, die auf das Land regnet und alles unter sich bedeckt und manche Unwetter und Stürme sorgen dafür, dass der Boden aufweicht und es zu Erdrutschen und Lawinen kommt. Meistens, wenn so etwas passiert, werden Pflanzen und Tiere unter Erde, Steinen, Asche begraben. Und auch hier ist es wieder der Druck, der Pflanzen, Tiere, Erde und Gestein zusammenpresst. Und im Laufe der Zeit, sehr viel Zeit, werden diese dann zu Sediment, zu Stein – man nennt das deshalb auch versteinern“.

„Ob ich auch mal einen Dinosaurier in einem Stein finde, was meinst Du?“.

„Dazu braucht man viel Geduld und etwas Glück, aber warum nicht. Hier am Strand sind die Steine aber schon am Ende ihrer langen Reise und meistens zu klein. Um versteinerte Dinosaurier zu finden, muss man dahin, wo die Steine groß sind. Zum Anfang ihrer Reise“.

„Dann gehe ich dahin. Wo beginnen denn die Steine ihre Reise?“.

„Dort, wo sie entstanden sind. In den Bergen. Egal, ob es aufgeschobene Gebirge sind, aufgetürmte Vulkane oder abgelagerte Felsen, dort beginnen die Steine ihre Reise, weil sie durch Erosion abgetragen werden“.

Toni schaut seinen Großvater sprachlos und mit großen Augen an. „Ja, noch so ein tolles Wort: Erosion. Das heißt Wind, Wasser, Eis und Erde bearbeiten die Steine unentwegt. Zuerst sind die Steine Teil von Massiven und werden durch die Erosion aus diesen herausgelöst. Die herausgebrochenen große Brocken und Klumpen werden durch Regen, Schnee, Erdstöße, Wasserströmungen weiter gebrochen und in immer kleinere Teile zerteilt. Bis sie schließlich hier am Strand als Kiesel und Sand ankommen und ihre Reise beenden“.

„Wow“, hält Toni die Luft an, „das habe ich alles nicht gewusst!“.

„Ja,“ nimmt der Großvater Toni in den Arm, „es ist schon ein Wunder, dass diese langweiligen, kalten und stummen Klötze uns so viel erzählen können von dem, was sie auf ihrer langen Reise durch die Zeit erlebt haben. Von unserer Vergangenheit, von anderen Lebewesen und der Veränderung der Erde“.

Toni hebt einen flachen, ovalen, etwas grünlich schimmernden Stein aus dem Sand, dreht und wiegt ihn in der Hand und sagt zu ihm: „Na du, was kannst du mir alles von unserer Erde erzählen?“.

Alexander Kunz

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Landungsbrücken – Sittin´ on the Dock of the Bay.

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Landungsbrücken – Sittin´ on the Dock of the Bay.

Wie schnell die Zeit vergeht. Es ist noch gar nicht lange her, da saßest Du oben. Über den Landungsbrücken. Am Hang unter dem Kastanienbaum. Die ganze Welt zu deinen Füssen. In einer Szene, wie in einem Otis Redding-Song.

Es waren Marx, Freud, Lacan, die die Untertitel für das Schauspiel lieferten, dass unter dir täglich seinen Gang ging. Die Bühne: Ein Panaromabild – 180˚ Grad. Von Ost nach West: Katharinenkirche, Kaispeicher A, Dampferanleger Schaarhörn, Blohm und Voss Docks, Bubendey-Kräne, Fischmarkt mit Hafenmühle.

Das Tor zur Welt war offen. Weit, ohne Grenze, wie der blaue Himmel über dir. An dem, ganz unbedarft und ohne Makel, die Sonne nicht an ihrem Glanz sparte. Es waren klare Tage. Heiße Tage. Jene, an denen der Duft von schmelzendem Asphalt, angelandetem Fisch und Urin aus allen Ecken aufsteigt und die Stadt in eine seicht prickelnde Stimmung versetzt.

Die Stadt fühlte sich exotisch an. Fremd. Und doch war sie heimlich und vertraut. Sie war so, wie du sie wolltest. Ein bisschen San Francisco, ein bisschen Lissabon. Ein bisschen, wie die große weite Welt. So fühlte es sich an. So fühltest du dich an.

Alexander Kunz

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Bernarda – Das kleine Kühlein von Terçeira.

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Bernarda – Das kleine Kühlein von Terçeira.

Im großen und weiten blauen Meer, ganz genau in der Mitte des Ozeans, liegt eine wundervolle immergrüne Insel. Die Insel ist ziemlich rund und nicht sonderlich groß. Eher klein. So klein, dass man, wenn man morgens nach dem Aufstehen zu Hause losläuft und dann immer rundherum, noch vor dem Abendessen wieder zuhause ankommt.

Obwohl sie so klein ist, steht mitten auf der grünen und ziemlich runden Insel ein sehr großer und hoher Berg, dessen Spitze fast immer von einer ganz weichen, watteweißen Wolke verdeckt ist.

Weil sie so klein ist, gibt es auf der Insel auch nur drei Straßen. Das reicht. Eine, die unten am Meer im Kreis einmal um die ganze Insel geht. Eine, die oben um den Berg herumführt. Und eine, die, wie ein Strich, quer über die ganze Insel verläuft.

Außer, dass die grüne Insel rund und klein ist, ist die Insel eben auch noch sehr grün. Das liegt an den vielen und ganz unterschiedlichen grünen Pflanzen, die auf ihr wachsen. Es gibt grüne saftige Teeplantagen, grüne wunderschön Königs-Strelitzien, grüne und ganz bunt blühende Hyazinthensträucher und Hortensienwälder, grüne, uralte und riesengroße Lorbeer- und Wacholderbäume. An ganz vielen der grünen Pflanzen wachsen lauter herrlich leckere Früchte. Man braucht sie nur zu pflücken.

Doch wer mit dem Schiff langsam auf die kleine grüne Insel zu schaukelt, erkennt von weitem ganz, ganz viele schwarze Flecken auf dem grünen Teppich verteilt. Wer etwas näher und noch genauer hinguckt stellt fest, dass die schwarzen Flecken eigentlich schwarz-weiße Flecken sind. Und wer mit seinem Schiff schon fast die Küste der kleinen grünen Insel erreicht hat sieht, dass die schwarz-weißen Flecken zu jeder Menge scheckiger Kühe gehören, die ganz genüsslich das frische grüne Gras auf den grünen Weiden kauen.

Die Kühe auf der kleinen grünen Insel sind ganz besondere Kühe. Nicht nur weil sie so hübsch schwarz-weiß gescheckt sind, sondern weil ihre Milch ganz besonders lecker ist. Die Milch ist genauso frisch wie das Gras auf den grünen Wiesen. Eine herrliche Milch ist das, erfrischend und kühl, so dass sich daraus, gemischt mit den leckeren Früchten der Insel, vorzüglich sahnige Eiscreme machen lässt. Erdbeereiscreme, Orangeneiscreme und Bananeneiscreme, Ananaseiscreme oder Süßkartoffeleiscreme.

Auf einer ganz besonders saftigen Weide, mit langen, taubedeckten Grasstengeln, rechts am Bergeshang, gleich hinter der alten Steinmauer, etwas unterhalb von dort wo der dichte Wald anfängt, lebt eine ebenso besondere Kuh. Kuh ist vielleicht übertrieben, sie ist eher noch eine Jung-Kuh, ein Kälbchen – eben noch ein kleines Kühlein. Das fällt sofort auf, weil sie bisher nur zwei Flecken hat. Einen weißen Fleck um das linke Auge und noch einen vorne auf dem Bauch.

Das kleine Kühlein hat auch einen Namen. Es heißt Bernarda und springt am liebsten den ganzen Tag kreuz und quer über die saftig grüne Wiese. An manchen Tagen allerdings, wenn es wirklich sehr heiß auf der kleinen grünen Insel ist, und das ist es nicht selten, geht Bernarda den steilen Berg hinunter und sucht sich ein schönes Plätzchen am Strand. Dort vergnügt sie sich im glasklaren Meerwasser, schwimmt mit den Fischchen um die Wette, springt von den dunklen Felsen mit lauten platschen in die See und spritzt nur so mit dem Wasser herum, dass es die reinste Freude ist.

Wenn ihr nicht nach rumtollen ist, sitzt sie auch gerne einfach nur im Sand und lässt diesen sanft durch ihre Hufe rieseln. Das kitzelt so schön. Dann blickt sie raus auf den weiten und endlosen Ozean. Soweit sie schauen kann, nur offenes, blaues Meer. Bernarda fragt sich dann, ob es wohl noch andere Inseln gibt in diesem Meer? Ob die genauso grün sind wie ihre kleine grüne Insel? Und, ob das Gras dort genau so lecker ist wie hier? Wird es dort überhaupt Gras zum Essen geben, oder essen die Kühe, die dort leben, andere Sachen? Ja und überhaupt, leben auf anderen Inseln auch andere Kühe? Wie diese wohl aussehen mögen? Ob diese auch so schön gefleckt sind wie Bernarda?

Vielleicht sind diese auch nur schwarz oder nur weiß, überlegt sie. Vielleicht, stellt sie sich dann vor, haben diese aber auch eine ganz, ganz andere Farbe. Braun zum Beispiel, oder lila. Lila, wenn sie daran denkt, muss sie immer schmunzeln. Lilafarbene Kühe, denkt Bernarda, dass wäre echt lustig.

Gerne würde sie mal so eine andersfarbige Kuh kennlernen. Sie würde sie so viel Fragen. Nach dem zum Beispiel, was sie am liebsten isst oder was sie am liebsten spielt. Und erzählen würde sie ihr auch soviel. Von dem, wie das alles so ist auf ihrer kleinen grünen Insel. Und vielleicht wüsste die Kuh von einer anderen Insel auch tolle, neue Spiele, die sie ihr beibringen könnten. Ach, toll wäre das, denkt Bernarda und schaut in die Ferne.

Alexander Kunz

Terceira

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Mata de Lobos – Im Wald der Wölfe.

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Mata de Lobos – Im Wald der Wölfe (Teil I).

Langsam. Ganz langsam. Zögernd, und jede Bewegung überlegend, ob du diesen Ort wirklich verlassen musst, schiebst du dich bis an den äußersten Rand.

Langsam, ganz langsam öffnest du einen winzigen Schlitz. Einen Spalt. Dann ein Loch. Und schließlich formst du einen Kanal, durch den du deinen Körper versuchst rauszudrücken. Langsam. Ganz langsam. Die Füße vorweg. Zehe für Zehe, so kommst du aus der Höhle gekrochen.

Es ist ein Ungetüm aus unzählig aufgetürmten Tüchern, Laken, Wolldecken, Federdecken, Überdecken, unter dem du dich befindest. Alles, wirklich alles was irgendwie Wärme geben kann, hast du gestapelt und dich darunter tief vergraben. Bis über beide Ohren, fest ins Bett gedrückt.

Geschlafen hast du. Geschlafen, tief und fest. Wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Aber nun musst du raus. Es muss sein. Raus in die Dunkelheit, raus in die Kälte.

Und sie packt dich, zieht an dir. Umschlingt dich und schnürt dich fest zusammen. Bis zur vollkommenen Bewegungslosigkeit. Sie stellt dich kalt, friert dich ein. An jedem Körperteil, das nicht gut genug geschützt ist, spürst du ihren frostigen Biss. Diese eisige, klirrende und undurchsichtige Dunkelheit.

Dein Atem stockt, doch in der Dunkelheit siehst du weiße Wolken aufsteigen. Und langsam, ganz langsam erscheinen Konturen. Du erkennst die Umrisse des Raums. Den Boden auf dem du stehst. Die dunklen Terrakotta-Fliesen. Die gekalkten Wände, an denen einzelne, verblichene Fotos aus anderen Zeiten hängen. Die kleinen metallenen Schiebefenster, mit verschlossenen Läden. Die alte und schwere Holztür.

Die Welt in der du aufgewacht bist, ist eine andere. Eine fremde. Eine längst vergessene Welt. Und, es ist eine kalte Welt. Eine Winterwelt, dort wo du sie am wenigsten erwartet hättest. Mitten im Niemandsland. Mitten auf der iberischen Halbinsel. Mitten zwischen Portugal und Spanien.

Die Reise nach Mata de Lobos ging immer parallel zum großen Fluss. Flussaufwärts. Zurück. Zurück hinter das breite, ausufernde Delta des Tejo, der sich, als wäre er selbst schon ein Meer, groß und mächtig in den Atlantik ergießt und den sie hier deshalb liebevoll auch Mar de Palha nennen.

Zurück hinter Lissabon, das, gehüllt in glitzerndes und leuchtendes weißes Licht, wie eine Braut am Altar voller Wehmut und Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Liebsten wartet. Zurück hinter die Estremadura, die ganz im Westen ihre langen Schatten auf die weiten Korkeichenwälder des Alentejo wirft. Zurück hinter die Portas do Sol, die, Tag ein, Tag aus, hoch oben auf dem Felsen von Santarém der Sonne Einlass auf die umliegenden Weinfelder gewähren. Zurück hinter Abrantes. Zurück hinter Portas de Ródão, und ihrem Hort der sagenumwobenen Grifos, hinter Castelo Branco und weit hinter die Serra de Estrela – immer tiefer in die Berge.

Die Reise ging vorbei am Torre, der sich fast zweitausend Meter gen Himmel streckt, vorbei an Fundão und den steilen Kirschhainen. Im Frühjahr bedeckt von einem dichten, weißen Blütenteppich. Im Sommer leuchtend rot, voll von prallen und süßen Cerejas. Jetzt, im Winter, von einer dünnen, weißen Schicht Schnee.

Die Luft an diesem Ort ist klar und sie ist rein. Der Himmel über dir blau. Weit und tief.

Die Luft ist hell und das Licht, das sie verbreitet strahlt in einer Intensität wie du es zu dieser Jahreszeit nicht gewohnt bist. Du bist geblendet, du bist irritiert. Und doch: die Luft lässt diese Welt so scharf erscheinen, dass du die feinsten Details erkennst, die Dir sonst im Verborgenem, im Unerkannten bleiben.

Die Luft an diesem Ort ist still und ruhig. Keine unnötigen Geräusche verbreitet sie, keinen Ton, keinen Hall. Keinen Duft trägt sie, nur der Geruch brennenden Holzes schwebt über allen und gibt dir das Gefühlt von Wärme und Geborgenheit.

Diese Welt ist freundlich. Diese Welt ist offen.

Der Name des Ortes ist pittoresk. Und er ist unheimlich: Mata de Lobos. Unweigerlich erweckt er grimmsche Phantasmen: Dunkelheit, Kälte, Finsternis und Einsamkeit. Klaustrophobie, Paranoia, Ungeheuer.

Aber ganz im Gegensatz zudem was Mata verspricht, gibt es hier keinen Wald. Es ist ein weites Land, ein freies Land. Ein Land der Extreme. Der extremen Temperaturunterschiede – bis zu fünfzig Grad zwischen den Jahreszeiten, sagen sie.

Mata liegt auf einer Hochebene, tausend Meter hoch – knapp. Im Sommer geflutet von einer unerträglichen Hitze. Dann sucht alles, was die breite Ebene bevölkert – Ziegen, Hunde, Esel, Menschen – vor der unerbittlichen Sonne Schutz im Schatten der alleinstehenden Felsskulpturen und unter den wenigen, wie topiert wirkenden, Zedern, die die Ebene formen. Im Winter gefrostet von einer unerbitterlichen Kälte. Jetzt drängt sich alles, was die Gegend bevölkert, vor den Kaminen der kleinen, steinernen Häuser.

Nur die streunenden Hunde sind es, die den Namen Matas alle Ehre erweisen wollen. Sie sind es, die die sternklaren Nächte, Sommer wie Winters, durch ihr Geheul erfüllen und einen feinen, ganz zarten Hauch von Schauer erwirken.

Alexander Kunz

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La Habana – Eine Erinnerung.

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La Habana – Eine Erinnerung.

 Wie ein Schlag trifft sie dich. Du schnappst nach Luft. Versuchst dich zu orientieren. Dich in Deckung zu bringen.

Die Hitze. Sie ist unerträglich. Jeder Atemzug brennt im Rachen. Du versuchst nur kurze Züge zu nehmen.

Das gleißende Licht blendet erbarmungslos, lässt alle Konturen in einem weißen Nichts verschwinden. Mit zugekniffenen Augen bahnst du dir einen Weg durch diese Hitze.

Vom heißen Teer steigt flimmernd die Glut auf. Verzerrt die Stadt in eine seltsam vergessene Welt. Die Zeit scheint auf etwas früher Dagewesenes zurückgeworfen. Amerikanische Straßenkreuzer schaukeln sich über den Paseo de Martí, umrahmt von imposanten kolonialen Herrschaftshäusern. Eselfuhrwerke kreuzen den Weg. Du bist in den Vierziger oder Fünfziger Jahren – für kurze Zeit zumindest.

Über der Stadt hängen nur ein paar Wolken. Tief hängen sie. Bewegungslos, wie Wachtürme einer uneinnehmbaren Festung ragen sie kilometerweit über El Capitolio in den offenen blauen Himmel empor.

Deine Illusion platzt als deine Augen sich an das grelle Licht und brennende Luft gewöhnt haben. Die Wagen sind schon alt und seltsam zusammengeflickt, die Straßen breit aber löchrig und die Häuser, von Büschen und sogar kleinen Bäumen bewachsen, kaputt.

Eine Machete bräuchtest du, um dir deinen Weg durch die Stadt zu bahnen. Die Luft ist wie eine Wand: Schwer und dick. Drückend ist es, und voll von unbekannten Düften in einer merkwürdigen Mischung. Der Malecón spritzt unablässig die salzige See in die Stadt und trotzdem ist es irgendwie süßlich und klebrig: Du riechst Benzin und Teer, schmelzendes Gummi. Du riechst, wie die mächtigen Tabakschwaden an jeder Ecke aufsteigen. Einen Hauch von Alkohol weht dir entgegen. Das ist er. Er, der Rum und die schwitzenden Menschen dazu. Du riechst Fisch, die Leichtigkeit von Limone und Minze. Verbranntes Holz. Irgendjemand befeuert bei dieser Glut, die deine Haut von allen Seiten goldbraun backt, einen Ofen.

Es ist diese Luft, die, so schwer von der Hitze, vibriert. Ja sie ist es, und sie transportiert den Rhythmus der Stadt. Die Wagen bewegen sich nach ihm, die Häuser, die Menschen. Aber bei der ganzen Hitze und dem Druck bringt der Rhythmus die ersehnte Leichtigkeit, die alles tanzen lässt. Könntest du ihm wohl widerstehen? Auch du bewegst dich in diesem Rhythmus. Du tanzt durch die Stadt. Mit den Menschen. Durch die Hitze. Du tanzt. Du taumelst. Du träumst.

Du liebst es auf ihrem Balkon zu sitzen und auf die Dämmerung zu warten. Verschwitzt und erschöpft von der Hitze des Tages. Das Cristal in deiner Hand verschafft dir dringende Abkühlung. Unten in der Calle Crespo spielen die Männer immer noch Backgammon. Eine Band fängt an zu spielen. Wie jede Nacht, laut und energetisch, ohne Pause und immer im Rhythmus der Stadt. Die Nacht kommt schnell und hüllt die Stadt in ihre dunklen Arme. Kaum Lichter, wie du es sonst gewohnt bist. Der Rhythmus ist es, der die Dunkelheit erfüllt.

Sie lehnt sich mit ihrem noch warmen Körper an deine nasse Haut. Die Nacht verspricht keine Abkühlung, denn jetzt erst beginnt es, das Leben.

Alexander Kunz

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