Mata de Lobos – Im Wald der Wölfe.

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Mata de Lobos – Im Wald der Wölfe (Teil I).

Langsam. Ganz langsam. Zögernd, und jede Bewegung überlegend, ob du diesen Ort wirklich verlassen musst, schiebst du dich bis an den äußersten Rand.

Langsam, ganz langsam öffnest du einen winzigen Schlitz. Einen Spalt. Dann ein Loch. Und schließlich formst du einen Kanal, durch den du deinen Körper versuchst rauszudrücken. Langsam. Ganz langsam. Die Füße vorweg. Zehe für Zehe, so kommst du aus der Höhle gekrochen.

Es ist ein Ungetüm aus unzählig aufgetürmten Tüchern, Laken, Wolldecken, Federdecken, Überdecken, unter dem du dich befindest. Alles, wirklich alles was irgendwie Wärme geben kann, hast du gestapelt und dich darunter tief vergraben. Bis über beide Ohren, fest ins Bett gedrückt.

Geschlafen hast du. Geschlafen, tief und fest. Wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Aber nun musst du raus. Es muss sein. Raus in die Dunkelheit, raus in die Kälte.

Und sie packt dich, zieht an dir. Umschlingt dich und schnürt dich fest zusammen. Bis zur vollkommenen Bewegungslosigkeit. Sie stellt dich kalt, friert dich ein. An jedem Körperteil, das nicht gut genug geschützt ist, spürst du ihren frostigen Biss. Diese eisige, klirrende und undurchsichtige Dunkelheit.

Dein Atem stockt, doch in der Dunkelheit siehst du weiße Wolken aufsteigen. Und langsam, ganz langsam erscheinen Konturen. Du erkennst die Umrisse des Raums. Den Boden auf dem du stehst. Die dunklen Terrakotta-Fliesen. Die gekalkten Wände, an denen einzelne, verblichene Fotos aus anderen Zeiten hängen. Die kleinen metallenen Schiebefenster, mit verschlossenen Läden. Die alte und schwere Holztür.

Die Welt in der du aufgewacht bist, ist eine andere. Eine fremde. Eine längst vergessene Welt. Und, es ist eine kalte Welt. Eine Winterwelt, dort wo du sie am wenigsten erwartet hättest. Mitten im Niemandsland. Mitten auf der iberischen Halbinsel. Mitten zwischen Portugal und Spanien.

Die Reise nach Mata de Lobos ging immer parallel zum großen Fluss. Flussaufwärts. Zurück. Zurück hinter das breite, ausufernde Delta des Tejo, der sich, als wäre er selbst schon ein Meer, groß und mächtig in den Atlantik ergießt und den sie hier deshalb liebevoll auch Mar de Palha nennen.

Zurück hinter Lissabon, das, gehüllt in glitzerndes und leuchtendes weißes Licht, wie eine Braut am Altar voller Wehmut und Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Liebsten wartet. Zurück hinter die Estremadura, die ganz im Westen ihre langen Schatten auf die weiten Korkeichenwälder des Alentejo wirft. Zurück hinter die Portas do Sol, die, Tag ein, Tag aus, hoch oben auf dem Felsen von Santarém der Sonne Einlass auf die umliegenden Weinfelder gewähren. Zurück hinter Abrantes. Zurück hinter Portas de Ródão, und ihrem Hort der sagenumwobenen Grifos, hinter Castelo Branco und weit hinter die Serra de Estrela – immer tiefer in die Berge.

Die Reise ging vorbei am Torre, der sich fast zweitausend Meter gen Himmel streckt, vorbei an Fundão und den steilen Kirschhainen. Im Frühjahr bedeckt von einem dichten, weißen Blütenteppich. Im Sommer leuchtend rot, voll von prallen und süßen Cerejas. Jetzt, im Winter, von einer dünnen, weißen Schicht Schnee.

Die Luft an diesem Ort ist klar und sie ist rein. Der Himmel über dir blau. Weit und tief.

Die Luft ist hell und das Licht, das sie verbreitet strahlt in einer Intensität wie du es zu dieser Jahreszeit nicht gewohnt bist. Du bist geblendet, du bist irritiert. Und doch: die Luft lässt diese Welt so scharf erscheinen, dass du die feinsten Details erkennst, die Dir sonst im Verborgenem, im Unerkannten bleiben.

Die Luft an diesem Ort ist still und ruhig. Keine unnötigen Geräusche verbreitet sie, keinen Ton, keinen Hall. Keinen Duft trägt sie, nur der Geruch brennenden Holzes schwebt über allen und gibt dir das Gefühlt von Wärme und Geborgenheit.

Diese Welt ist freundlich. Diese Welt ist offen.

Der Name des Ortes ist pittoresk. Und er ist unheimlich: Mata de Lobos. Unweigerlich erweckt er grimmsche Phantasmen: Dunkelheit, Kälte, Finsternis und Einsamkeit. Klaustrophobie, Paranoia, Ungeheuer.

Aber ganz im Gegensatz zudem was Mata verspricht, gibt es hier keinen Wald. Es ist ein weites Land, ein freies Land. Ein Land der Extreme. Der extremen Temperaturunterschiede – bis zu fünfzig Grad zwischen den Jahreszeiten, sagen sie.

Mata liegt auf einer Hochebene, tausend Meter hoch – knapp. Im Sommer geflutet von einer unerträglichen Hitze. Dann sucht alles, was die breite Ebene bevölkert – Ziegen, Hunde, Esel, Menschen – vor der unerbittlichen Sonne Schutz im Schatten der alleinstehenden Felsskulpturen und unter den wenigen, wie topiert wirkenden, Zedern, die die Ebene formen. Im Winter gefrostet von einer unerbitterlichen Kälte. Jetzt drängt sich alles, was die Gegend bevölkert, vor den Kaminen der kleinen, steinernen Häuser.

Nur die streunenden Hunde sind es, die den Namen Matas alle Ehre erweisen wollen. Sie sind es, die die sternklaren Nächte, Sommer wie Winters, durch ihr Geheul erfüllen und einen feinen, ganz zarten Hauch von Schauer erwirken.

Alexander Kunz

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