Odexeice – Ein Neujahrs-Sparziergang mit Avô.

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 Odexeice – Ein Neujahrs-Sparziergang mit Avô.

„Avô, Avô!“, in weiten Sätzen springt Toni über den feuchten Sandboden bis zu der Stelle, an der der dünne Wasserfilm zu knöcheltiefen Wasser und dann zur Brandung wird.

„Avô, was machst Du da?“. Tonis Großvater hält einen münzgroßen, ganz flachen Stein in seiner Hand und wiegt in hin-und-her.

„Was glaubst Du“, neigt sich der Großvater zu Toni, „plumpst der Stein sofort auf den Grund des Meeres, wenn ich ihn aufs Wasser schmeiße, oder schaffe ich es so zu werfen, dass er über das Wasser fliegt?“.

Toni schaut seinen Großvater ungläubig und mit großen runden Augen an. Was sein Großvater nur immer für lustige Einfälle hat, denkt er sich und blickt auf das tosende blaue Meer vor ihm. Noch bevor Toni antworten kann, kniet sich sein Großvater mit einem Bein in die Hocke, dreht seine Hand mit der Handfläche nach unten, kneift ein Auge zusammen und peilt mit dem andern auf den weiten Ozean, als ob er da draußen am Horizont irgendetwas entdeckt hätte. Dann holt er aus und lässt in einer weiten Bewegung den flachen Stein aus Daumen und Zeigefinger gleiten. Der Stein fliegt kreiselnd, wie eine Frisbee, mitten aufs Wasser zu, platscht auf die Wasseroberfläche und, Toni kann es nicht glauben, der Stein versinkt nicht still und stumm im Meer, sondern hüpft, einmal, zweimal, dreimal wie von Zauberhand hochgezogen über die Wasseroberfläche, bevor er langsam in der Woge einer Welle untergeht.

„Avô, das möchte ich auch können, wie hast du das gemacht?“, fragt Toni seinen Großvater voller Staunen. Tonis Großvater runzelt die Stirn, zieht die Augenbrauen zusammen und hält einen Moment inne, als würde er alle einzelnen Schritte, vom versinken des Steins im Meer angefangen, zurück erinnern bis zum:

„Stein finden! Zum Flitschen lassen musst du erstmal einen passenden Stein finden. Einen, der nicht zu groß, aber auch nicht zu klein ist. Der möglichst rund und, dass ist wirklich das wichtigste, möglichst flach ist. Und hier am Strand“, sagt der Großvater sich mit dem Oberkörper in alle Richtungen drehend, „findest Du bestimmt unzählige davon!“.

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Der weiche Sand am Strand ist tatsächlich übersät mit Steinen und Toni macht sich sofort auf die Suche nach einem, wie ihn sein Großvater beschrieben hat. Doch so einfach wie Toni sich die Suche nach einem passenden Stein vorgestellt hat, ist sie leider nicht. Die meisten Steine die Toni findet sind nur unförmige Brocken, viel zu groß und zu schwer, sie würden sofort mit einem lauten Plumps und einer spritzenden Fontäne untergehen. Ein paar flache Steine entdeckt Toni auch, die sind aber immer zu klein, um ihnen beim Werfen richtig Schwung zu geben. Enttäuscht hockt sich Toni auf den weichen Strand und schmeißt genervt eine Handvoll Sand aus abertausenden kleinen Kieseln Richtung Meer.

„Avô, Steine suchen macht keinen Spaß!“, ruft Toni seinem Großvater enttäuscht zu, „Steine sind langweilig, die liegen nur rum, ohne sich zu bewegen, sind kalt und stumm und leben überhaupt nicht“.

„Das stimmt“, Tonis Großvater setzt sich dicht neben ihn und lässt Sandkörner durch seine große Hand rieseln, „belebt sind Steine nicht, aber erlebt haben sie viel und können uns davon erzählen!“. Aus dem gelben Sand unter seinen Händen legt der Großvater einen Stein frei. Rosafarben und fast so groß wie ein Ei.

„Schau mal diesen hier, wie wunderschön er ist. Ganz glatt und rund geschliffen“. Antonios Großvater streichelt den Stein sanft und hält ihn dann gegen das Licht.

„Und wie er im Sonnenlicht glitzert!“, bewundert Toni den rosa Stein.

„Das sind die vielen kleinen Kristalle. Ein Stein ist eben nicht einfach nur ein kalter, grober Klotz, sondern besteht aus ganz unterschiedlichsten Teilen wie Magma, Mineralien oder Sedimenten“.

„Magma, Minera und Sedi-was, Avô?“.

„Warte mal!“, sagt Tonis Großvater, springt auf und läuft zu den Dünen am anderen Ende des Strandes. Zurück kommt der Großvater mit einem kleinen Ast und malt einen wasserballgroßen Kreis vor Toni in den Sand.

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„Unsere Erde“, erklärt der Großvater, „vor Millionen von Jahren, lange bevor es uns Menschen gab und noch bevor es überhaupt die Dinosaurier gab, war über-und-über mit Wasser bedeckt. Einem einzigen riesigen Ozean. Doch unter dem Wasser, tief unten im Inneren der Erde, brodelte es. Dort, im Erdinneren ist es unerträglich heiß. So heiß, dass alles was dort unten ist sofort schmilzt und zu einer feurigen roten Masse wird – zu Magma“. Der Großvater malt mit dem Stock Wellen in die Mitte des Kreises und schließlich gerade Striche, die bis zum Rand des Kreises reichen.

„Dieses Magma ist so flüssig, dass es sich durch Risse und Spalten in der Erde immer wieder einen Weg an die Erdoberfläche sucht. Dann bricht es als Lavastrom aus“. Er deutet auf die Striche: „Zuerst ist das alles unter Wasser passiert, da ja die Erde damit komplett bedeckt war. Aber im Laufe der Jahrmillionen sind die Magmaberge, die Vulkane, die es bis heute gibt, so angewachsen, dass sie über der Wasseroberfläche Land gebildet haben. Erst als einzelne kleine Inseln und schließlich als ganze Kontinente“. Tonis Großvater beginnt Flächen in den Kreis im Sand zu malen.

„Sind Steine also festes Feuer?“, fragt Toni verwundert und starrt auf die Felsen, die den Strand umranden.

„Ja. In gewisser Weise ist Magma abgekühltes und verhärtetes Feuer“, nickt Tonis Großvater zustimmend, „aber, Steine sind noch viel mehr als das“, holt er erneut aus, „sie sind großer Hitze und enormen Druck ausgesetzt gewesen, dadurch sind die verschiedensten Materialien zusammengeschmolzen, gemischt und zu etwas neuem gepresst worden.“.

„Druck? Avô, was ist das?“.

Der Großvater überlegt kurz: “Nimm doch mal ein Handvoll Sand und ein bisschen Wasser dazu!“, und zeigt auf den trockenen Sand vor Toni. „Nun drücke in mal richtig fest zusammen. So fest wie Du kannst!“. Toni nimmt Sand und Wasser und knetet und walzt beides in seiner Hand.

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„Fester!“, munter der Großvater Toni auf, „Siehst Du, durch Deine Kraft ist aus den einzelnen Sandkörner ist ein großer fester Klumpen, Matschklumpen, geworden. Diese Kraft, nennt man auch Druck. Erinnerst Du dich?“, der Großvater zeigt auf den Kreis im Sand, „Die Vulkane, aus denen die glühend heiße Lava speit, haben Land unter Wasser gebildet, indem es aus Löchern aus dem Inneren der Erde trat. Diese Spalten und Risse bedeuten uns, dass der Meeresgrund nicht ein großer zusammenhängender Boden ist, sondern, wie die Flicken auf Omas Sofadecke, aus unterschiedlichen einzelnen Stücken besteht. Diese nennt man Erdplatten. Diese bewegen sich über der Lava hin-und-her. Mal langsam. Mal schneller. Manchmal stoßen sie auch gegeneinander. Dann gibt es einen riesigen Rums, ein Erdbeben. Und manchmal ist der Aufprall so stark, dass sich die Platten übereinander schieben. Das ist unvorstellbar viel Kraft. Soviel Kraft, das dadurch die Gebirge entstanden sind, die tausende Meter hoch sind. Die Gebirge sind also letztlich das Gleiche, wie dein Matschball. Ganz fest zusammengepresste einzelne Teile, aus denen etwas Neues entstanden ist – Mineralien“.

Toni drückt nochmal fest seinen Klumpen zusammen: „Steine sind also Mineralien?“.

„Genau. Sie sind nicht einfach nur Klumpen, sondern können zum Beispiel aus Eisen oder Diamant sein. Daher kommen auch all die unterschiedlichen Farben der Steine und das Glitzern im Sonnenschein“. Tonis Großvater hält kurz inne, überlegt und fährt dann fort: „Und, jetzt wird es ganz spannend: Steine können auch aus Resten von Pflanzen und Tieren, zum Beispiel Dinosauriern, bestehen“.

Aufgeregt springt Toni auf: „Was, Avô? Dinosaurier in einem Stein, wie geht das denn?“.

„Eigentlich ganz einfach“, sagt Tonis Großvater ganz ruhig, „unsere Erde ist immer in Bewegung. Die Erdplatten stoßen zusammen und verursachen so Erdbeben, so dass das Land durchgeschüttelt und manchmal auch richtig umgekrempelt wird. Die Vulkane speien Lava, die auf das Land regnet und alles unter sich bedeckt und manche Unwetter und Stürme sorgen dafür, dass der Boden aufweicht und es zu Erdrutschen und Lawinen kommt. Meistens, wenn so etwas passiert, werden Pflanzen und Tiere unter Erde, Steinen, Asche begraben. Und auch hier ist es wieder der Druck, der Pflanzen, Tiere, Erde und Gestein zusammenpresst. Und im Laufe der Zeit, sehr viel Zeit, werden diese dann zu Sediment, zu Stein – man nennt das deshalb auch versteinern“.

„Ob ich auch mal einen Dinosaurier in einem Stein finde, was meinst Du?“.

„Dazu braucht man viel Geduld und etwas Glück, aber warum nicht. Hier am Strand sind die Steine aber schon am Ende ihrer langen Reise und meistens zu klein. Um versteinerte Dinosaurier zu finden, muss man dahin, wo die Steine groß sind. Zum Anfang ihrer Reise“.

„Dann gehe ich dahin. Wo beginnen denn die Steine ihre Reise?“.

„Dort, wo sie entstanden sind. In den Bergen. Egal, ob es aufgeschobene Gebirge sind, aufgetürmte Vulkane oder abgelagerte Felsen, dort beginnen die Steine ihre Reise, weil sie durch Erosion abgetragen werden“.

Toni schaut seinen Großvater sprachlos und mit großen Augen an. „Ja, noch so ein tolles Wort: Erosion. Das heißt Wind, Wasser, Eis und Erde bearbeiten die Steine unentwegt. Zuerst sind die Steine Teil von Massiven und werden durch die Erosion aus diesen herausgelöst. Die herausgebrochenen große Brocken und Klumpen werden durch Regen, Schnee, Erdstöße, Wasserströmungen weiter gebrochen und in immer kleinere Teile zerteilt. Bis sie schließlich hier am Strand als Kiesel und Sand ankommen und ihre Reise beenden“.

„Wow“, hält Toni die Luft an, „das habe ich alles nicht gewusst!“.

„Ja,“ nimmt der Großvater Toni in den Arm, „es ist schon ein Wunder, dass diese langweiligen, kalten und stummen Klötze uns so viel erzählen können von dem, was sie auf ihrer langen Reise durch die Zeit erlebt haben. Von unserer Vergangenheit, von anderen Lebewesen und der Veränderung der Erde“.

Toni hebt einen flachen, ovalen, etwas grünlich schimmernden Stein aus dem Sand, dreht und wiegt ihn in der Hand und sagt zu ihm: „Na du, was kannst du mir alles von unserer Erde erzählen?“.

Alexander Kunz

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