Lotsekai – An jedem Morgen.

Lotsekai – An jedem Morgen.

An jedem Morgen, an jedem immergleich regenverhangenem Morgen, auf deinem immer gleichen, eintönigen Weg zur Arbeit, immer, wenn Du den alten verlassenen Hafenkai passierst, träumst Du davon. Träumst Du davon, wie es wäre.

Wie wäre es, jetzt, in einen dieser rostigen Dampfer, in einen dieser abgewrackten Segelfrachter zu steigen, Leinen los zu reißen, den Schiffsdiesel anzuwerfen, Segel zu setzen und einfach abzuhauen. Weg. Weg durch das Hafenbecken, den engen Kanal, den Fluss abwärts bis zum offenen Meer.

Immer stündest du vorne am Bug, hättest den Blick nach vorne gerichtet, wärst die Galionsfigur, den Kurs des Schiffs bewahrend und Richtung Süden dirigierend, über den Ozean zu all den verheißungsvollen Orten: Antigua, Panama, Curaçao, Tobago bis zum Amazonas.

Alexander Kunz

 

La Habana – Eine Erinnerung.

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La Habana – Eine Erinnerung.

 Wie ein Schlag trifft sie dich. Du schnappst nach Luft. Versuchst dich zu orientieren. Dich in Deckung zu bringen.

Die Hitze. Sie ist unerträglich. Jeder Atemzug brennt im Rachen. Du versuchst nur kurze Züge zu nehmen.

Das gleißende Licht blendet erbarmungslos, lässt alle Konturen in einem weißen Nichts verschwinden. Mit zugekniffenen Augen bahnst du dir einen Weg durch diese Hitze.

Vom heißen Teer steigt flimmernd die Glut auf. Verzerrt die Stadt in eine seltsam vergessene Welt. Die Zeit scheint auf etwas früher Dagewesenes zurückgeworfen. Amerikanische Straßenkreuzer schaukeln sich über den Paseo de Martí, umrahmt von imposanten kolonialen Herrschaftshäusern. Eselfuhrwerke kreuzen den Weg. Du bist in den Vierziger oder Fünfziger Jahren – für kurze Zeit zumindest.

Über der Stadt hängen nur ein paar Wolken. Tief hängen sie. Bewegungslos, wie Wachtürme einer uneinnehmbaren Festung ragen sie kilometerweit über El Capitolio in den offenen blauen Himmel empor.

Deine Illusion platzt als deine Augen sich an das grelle Licht und brennende Luft gewöhnt haben. Die Wagen sind schon alt und seltsam zusammengeflickt, die Straßen breit aber löchrig und die Häuser, von Büschen und sogar kleinen Bäumen bewachsen, kaputt.

Eine Machete bräuchtest du, um dir deinen Weg durch die Stadt zu bahnen. Die Luft ist wie eine Wand: Schwer und dick. Drückend ist es, und voll von unbekannten Düften in einer merkwürdigen Mischung. Der Malecón spritzt unablässig die salzige See in die Stadt und trotzdem ist es irgendwie süßlich und klebrig: Du riechst Benzin und Teer, schmelzendes Gummi. Du riechst, wie die mächtigen Tabakschwaden an jeder Ecke aufsteigen. Einen Hauch von Alkohol weht dir entgegen. Das ist er. Er, der Rum und die schwitzenden Menschen dazu. Du riechst Fisch, die Leichtigkeit von Limone und Minze. Verbranntes Holz. Irgendjemand befeuert bei dieser Glut, die deine Haut von allen Seiten goldbraun backt, einen Ofen.

Es ist diese Luft, die, so schwer von der Hitze, vibriert. Ja sie ist es, und sie transportiert den Rhythmus der Stadt. Die Wagen bewegen sich nach ihm, die Häuser, die Menschen. Aber bei der ganzen Hitze und dem Druck bringt der Rhythmus die ersehnte Leichtigkeit, die alles tanzen lässt. Könntest du ihm wohl widerstehen? Auch du bewegst dich in diesem Rhythmus. Du tanzt durch die Stadt. Mit den Menschen. Durch die Hitze. Du tanzt. Du taumelst. Du träumst.

Du liebst es auf ihrem Balkon zu sitzen und auf die Dämmerung zu warten. Verschwitzt und erschöpft von der Hitze des Tages. Das Cristal in deiner Hand verschafft dir dringende Abkühlung. Unten in der Calle Crespo spielen die Männer immer noch Backgammon. Eine Band fängt an zu spielen. Wie jede Nacht, laut und energetisch, ohne Pause und immer im Rhythmus der Stadt. Die Nacht kommt schnell und hüllt die Stadt in ihre dunklen Arme. Kaum Lichter, wie du es sonst gewohnt bist. Der Rhythmus ist es, der die Dunkelheit erfüllt.

Sie lehnt sich mit ihrem noch warmen Körper an deine nasse Haut. Die Nacht verspricht keine Abkühlung, denn jetzt erst beginnt es, das Leben.

Alexander Kunz

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